Eiweißbedarf



Grundsätzlich ist eine pauschal gültige Festlegung des täglichen Eiweißbedarfs für jeden Einzelnen nicht möglich, weil der Bedarf von vielen Einflüssen abhängig ist. Nach wissenschaftlicher Lage können bisher nur Schätzungen für einen durchschnittlichen Eiweißbedarf abgegeben werden, so legen die FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations, zu Deutsch: Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, auch als Welternährungsorganisation bekannt), die WHO (World Health Organization, zu Deutsch: Weltgesundheitsorganisation) und die UNU (United Nations University, zu Deutsch: Universität der Vereinten Nationen) auf Basis der weltweit verfügbaren und verlässlichen Daten solche Schätzungen zum täglichen Eiweißbedarf fest.


Wie sieht eine Schätzung am Beispiel eines Erwachsenen aus?

Die FAO/WHO/UNU veröffentlichte im Jahr 2007 für einen normalen Erwachsenen einen mittleren täglichen Eiweißbedarf von 0,66 g Eiweiß pro kg-Körpergewicht.1 Um eine, für 97,5 % der Bevölkerung, sichere Eiweißversorgung zu gewährleisten, d. h. um ein Defizit in der Eiweißversorgung größtenteils auszuschließen, schätzte die FAO/WHO/UNU einen täglichen Eiweißbedarf für normale Erwachsene auf 0,83 g Eiweiß pro kg-Körpergewicht.2

Eine solche Schätzung kann aber höchstens eine grobe Orientierung des tatsächlichen Bedarfs darstellen. Wie im WHO Technical Report Series No. 935 von 2007 festgestellt, kann in einigen Fällen bereits bei einer Eiweißaufnahme von 0,3 g Eiweiß pro kg-Körpergewicht eine positive Bilanz im Eiweißstoffwechsel hervorgerufen werden, in anderen Fällen kann die Bilanz bei 0,9 g Eiweiß pro kg-Körpergewicht noch immer negativ sein.3 Dies verdeutlicht, dass die Bandbreite für den tatsächlichen, individuellen Eiweißbedarf außerordentlich groß ist, um ein Gleichgewicht im Eiweißstoffwechsel zu erreichen.

Die EFSA, die European Food Safety Authority, hat die Schätzung von FAO/WHO/UNU von 2007 übernommen und gibt in einer Veröffentlichung von 2011 ebenso eine Eiweißzufuhr von 0,83 g Eiweiß pro kg-Körpergewicht am Tag für normale Erwachsene an.4

Die Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) empfiehlt in einer Veröffentlichung von 2017 für Erwachsene zwischen 19 und 64 Jahren eine Zufuhr von 0,8 g Eiweiß pro kg-Körpergewicht pro Tag und ab 65 Jahren geht die DGE von einem geschätzten Bedarf von 1,0 g Eiweiß pro kg-Körpergewicht täglich aus.5 Da die momentane Studienlage aber noch nicht aussagekräftig genug ist, kann die DGE für diese Altersgruppe bisher noch keine Empfehlung aussprechen.6

Viele bisherigen Schätzungen und Empfehlungen haben sich an der Untergrenze des durchschnittlichen Proteinbedarfs orientiert und stellen damit eher einen Mindestbedarf dar. Die FAO konstatiert im Food and Nutrition Paper No. 92 von 2013, dass eine solche Definition als Mindestbedarf nicht unbedingt den optimalen Bedarf für die Gesundheit darstellt. Um belastbarere Empfehlungen zu erhalten, bedarf es noch weiteren Untersuchungen und zahlreichen zukünftigen Studien, die dann unter Berücksichtigung aller gewonnenen Daten zu bewerten sind. Die bisherigen Erkenntnisse reichen also nicht aus, um fundamentierte Empfehlungen zur optimalen Proteinaufnahme hinsichtlich einer langfristigen Gesundheit oder einer sicheren Obergrenze abzugeben.7

In diesem Zusammenhang bezieht sich die FAO in ihrem Food and Nutrition Paper No. 92 von 2013 auch auf eine jüngere Studie, die darauf hinweist, dass der durchschnittliche Proteinbedarf eines Erwachsenen auf 0,91 g Eiweiß pro kg-Körpergewicht und Tag zu schätzen sei.8

Für eine gegenwärtige Schätzung des persönlichen Proteinbedarfs können möglicherweise spezialisierte Fachärzte oder Ernährungsberater hinzugezogen werden, damit auch individuelle Einflüsse entsprechend berücksichtigt werden können.


Berechnung des täglichen Eiweißbedarfs

Um dennoch eine grobe Orientierung des täglichen Eiweißbedarfs zu erhalten, kann der Bedarf als vorläufige Schätzung ermittelt werden. Nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen werden für die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen die folgenden Schätzungen abgegeben:


Wie hoch ist der Eiweißbedarf eines Erwachsenen?

Aktuelle Schätzungen gehen bei einem Erwachsenen, unabhängig vom Geschlecht, von einem durchschnittlichen Bedarf von 0,91 g Eiweiß pro kg-Körpergewicht und Tag aus.9 Dies gilt für einen gesunden Erwachsenen ohne besondere körperliche Belastung.


Wie hoch ist der Eiweißbedarf älterer Menschen?

Für jüngere und vor allem ältere Menschen, ab dem 65. Lebensjahr, wird vermutet, dass eine höhere Proteinzufuhr von Vorteil sei. Durch eine Proteinaufnahme von 1,0 bis 1,2 g Eiweiß pro kg-Körpergewicht und Tag für gesunde ältere Menschen könnte eine gesunde Muskulatur besser erhalten bleiben.10

Zur Berechnung wird ein Mittelwert von 1,1 g Eiweiß pro kg-Körpergewicht und Tag angenommen, das entspricht zusätzlich etwa 0,2 g Eiweiß pro kg-Körpergewicht und Tag.


Ältere Menschen sitzen auf einer Parkbank

Abbildung 7: Ältere Menschen haben einen höheren Eiweißbedarf.


Wie hoch ist der Eiweißbedarf von Sportlern?

Im Food and Nutrition Paper No. 92 der FAO von 2013 wird darauf hingewiesen, dass Zuwächse an Kraft und Muskulatur größer seien, wenn das Training mit einer höheren Proteinzufuhr, als die regulär empfohlene Menge, einhergeht.11 So gelten Proteinzufuhren von bis zu dem Doppelten der regulär empfohlenen Mengen bei sportlich aktiven und gesunden Erwachsenen als sicher.12 Der Proteinbedarf für Ausdauersportler wird auf 1,2 bis 1,4 g Eiweiß pro kg-Körpergewicht und Tag sowie für Kraftsportler auf 1,6 bis 1,7 g Eiweiß pro kg-Körpergewicht und Tag geschätzt.13 Allerdings wird auch an dieser Stelle noch viel Forschungsarbeit erforderlich sein, um belastbarere Daten für sichere Empfehlungen zu erhalten.14

Zur Berechnung wird für Ausdauersportler ein Mittelwert von 1,3 g Eiweiß pro kg-Körpergewicht und Tag angenommen und für Kraftsportler ein Mittelwert von 1,65 g Eiweiß pro kg-Körpergewicht und Tag.


Trainingsgewichte für Kraftsportler

Abbildung 8: Sportler, vor allem Kraftsportler, benötigen ebenso mehr Eiweiß.


Wie hoch ist der Eiweißbedarf von Schwangeren?

Die American Society for Nutrition veröffentlichte in 2014 das Ergebnis einer Studie von Trina V Stephens et al., welche als erste bekannte Studie den Proteinbedarf schwangerer Frauen direkt abschätzt. Bisherige Schätzungen beruhten auf Berechnungen der Stickstoffbilanz von nicht-schwangeren Frauen. Diese Umstände zeigen aber wiederum, dass an dieser Stelle die Studienlage sehr dürftig ist. So sind die veröffentlichten Daten verständlicherweise kaum belastbar. Im Ergebnis wird davon ausgegangen, dass der Proteinbedarf doch deutlich höher ist, als bisher auch von der FAO15 und der EFSA16 angenommen. Der Bedarf liegt dabei in der frühen Schwangerschaft bei etwa 1,2 g Eiweiß pro kg-Körpergewicht und steigert sich in der späten Schwangerschaft auf etwa 1,5 g Eiweiß pro kg-Körpergewicht.17

Zur Berechnung wird für das erste Trimester ein Mittelwert von 1,2 g Eiweiß pro kg-Körpergewicht und Tag angenommen, das entspricht zusätzlich etwa 0,3 g Eiweiß pro kg-Körpergewicht und Tag, für das zweite Trimester ein Mittelwert von 1,35 g Eiweiß pro kg-Körpergewicht und Tag, das entspricht zusätzlich etwa 0,45 g Eiweiß pro kg-Körpergewicht und Tag und für das dritte Trimester ein Mittelwert von 1,5 g Eiweiß pro kg-Körpergewicht und Tag, das entspricht zusätzlich etwa 0,6 g Eiweiß pro kg-Körpergewicht und Tag.


Schwangere Frau mit Babybauch

Abbildung 9: Auch Schwangere haben einen erhöhten Bedarf.


Wie hoch ist der Eiweißbedarf von Stillenden?

Die Schätzungen für den Bedarf von Stillenden stützen sich auf noch weniger sichere Daten und basieren nur auf Berechnungen.18 Empfehlungen der WHO aus dem Jahr 2007 gehen von einem zusätzlichen Eiweißbedarf von Stillenden in den ersten 6 Monaten von durchschnittlich 19 g Eiweiß pro Tag aus, wobei sich dieser Bedarf für die Zeit nach 6 Monaten auf etwa 12,5 g Eiweiß pro Tag reduziert.19 Neuere Veröffentlichungen geben für Stillende mittlerweile höhere Schätzwert für den zusätzlichen Eiweißbedarf an. So geben beispielsweise Berechnungen aus dem Jahr 2012 zusätzlich 25 g Eiweiß pro Tag20 an oder aus dem Jahr 2019 zusätzlich 23 g Eiweiß pro Tag21. Dies macht deutlich, dass noch erheblicher Forschungsbedarf besteht, um überhaupt einigermaßen belastbare Daten zum Eiweißbedarf Stillender zu erhalten.

Zur groben Schätzung des Eiweißbedarfs wird hier aufgrund fehlender, besserer Daten vorläufig der Wert von zusätzlich 23 g Eiweiß pro Tag zur Berechnung angesetzt.


Wie wird der tägliche Eiweißbedarf berechnet?

Der tägliche Eiweißbedarf ergibt sich durch Multiplikation von individuellem, gewichtsspezifischem Eiweißbedarf mit dem Körpergewicht, addiert mit einem gegebenenfalls individuellen, zusätzlichen Eiweißbedarf. Mit der folgenden Formel lässt sich dieser ungefähre, tägliche Eiweißbedarf für gesunde Erwachsene berechnen:


 Eiweißbedarfnorm = gewichtsspezifischer Bedarf x Körpergewicht + zusätzlicher Bedarf


Eiweißbedarfnorm bezeichnet den Eiweißbedarf, der sich auf einen Digestible Indispensable Amino Acid Score (DIAAS) von 100 bezieht, hier gekennzeichnet als normierter Eiweißbedarf. Es kann also nicht einfach der Eiweißgehalt der täglich verzehrten Lebensmittel addiert werden und dem individuellen, täglichen Eiweißbedarf gegenübergestellt werden. Dies würde die Proteinqualität der verzehrten Lebensmittel außer Betracht lassen. Aus diesem Grund muss, wie im Kapitel 11, Digestible Indispensable Amino Acid Score (DIAAS), erklärt, das Proteinäquivalent des aufgenommenen Nahrungsproteins verwendet werden.


Geben Sie Ihr Körpergewicht ein:

kg

Körpergewicht



Wählen Sie Ihre körperliche Belastung aus:

körperliche Belastung

Bedarf in g / kg

0,91

1,30

1,65



Sind Sie mindestens 65 Jahre alt?

Lebensalter

zusätzlicher Bedarf in g / kg

+ 0,00

+ 0,20



Sind Sie schwanger?

Schwangerschaft

zusätzlicher Bedarf in g / kg

+ 0,00

+ 0,30

+ 0,45

+ 0,60



Stillen Sie?

Stillen

zusätzlicher Bedarf in g

+ 0

+ 23




Der ungefähre tägliche Eiweißbedarfnorm beträgt:

0 g




 

Deckt das aufgenommene Nahrungsprotein den berechneten Eiweißbedarf?

Sind schließlich der Proteingehalt und der DIAAS einer Mischkost sowie der tägliche Eiweißbedarf bekannt, kann errechnet werden, inwieweit der Bedarf damit gedeckt wird. Für die aufgenommene Menge an Nahrungsprotein muss zunächst das angesprochene Proteinäquivalent berechnet werden. Dies geschieht mit folgender Formel:


 Proteinäquivalent = Proteingehalt der Mischkost x DIAAS / 100


Der anzustrebende Idealfall ist eine ausgeglichene Bilanz im Eiweißstoffwechsel, d. h. um weder eine Unterversorgung noch eine Überversorgung durch das aufgenommene Nahrungsprotein zu verursachen, sollte also das Proteinäquivalent genau dem täglichen Eiweißbedarf entsprechen:


 Proteinäquivalent = Eiweißbedarfnorm


An einem einfachen Beispiel betrachtet, bedeutet dies für eine 69 kg schwere, erwachsene Frau, die im 1. Trimester schwanger ist, dass eine Mischkost, wie im Beispiel des Kapitels 11.3, ihren täglichen Eiweißbedarf ziemlich genau decken würde:


 Eiweißbedarfnorm = (0,91 g / kg + 0,30 g / kg) x 69 kg = 83,5 g

 Proteinäquivalent = 83,4 g x 100 / 100 = 83,4 g




Fazit



Literaturnachweis

1. WHO, Technical Report Series No. 935, Protein and amino acid requirements in human nutrition, 2007, S. 38.
2. WHO, Technical Report Series No. 935, Protein and amino acid requirements in human nutrition, 2007, S. 38.
3. WHO, Technical Report Series No. 935, Protein and amino acid requirements in human nutrition, 2007, S. 106.
4. EFSA, Scientific Opinion on Dietary Reference Values for protein, 2011, S. 2.
5. DGE, Silke Restemeyer, Referat Öffentlichkeitsarbeit, DGE aktuell, Presseinformation, August 2017, S. 1.
6. DGE, Silke Restemeyer, Referat Öffentlichkeitsarbeit, DGE aktuell, Presseinformation, August 2017, S. 1,2.
7. FAO, Food and Nutrition Paper No. 92, Dietary protein quality evaluation in human nutrition, 2013, S. 31.
8. FAO, Food and Nutrition Paper No. 92, Dietary protein quality evaluation in human nutrition, 2013, S. 44.
9. FAO, Food and Nutrition Paper No. 92, Dietary protein quality evaluation in human nutrition, 2013, S. 44.
10. Cesari, M., Marzetti, E., Dietary Protein and Muscle in Aging People, MDPI, 2018, S. 4.
11. FAO, Food and Nutrition Paper No. 92, Dietary protein quality evaluation in human nutrition, 2013, S. 32.
12. EFSA, Scientific Opinion on Dietary Reference Values for Protein, 2011, S. 1.
13. Magee, David J. et al., Athletic and Sport Issues in Musculoskeletal Rehabilitation, Elsevier Saunders, 2011, S. 79.
14. FAO, Food and Nutrition Paper No. 92, Dietary protein quality evaluation in human nutrition, 2013, S. 44.
15. FAO, Food and Nutrition Paper No. 92, Dietary protein quality evaluation in human nutrition, 2013, S. 32.
16. EFSA, Scientific Opinion on Dietary Reference Values for Protein, 2011, S. 3.
17. Stephens, Trina V. et al., Protein Requirements of Healthy Pregnant Women during Early and Late Gestation, American Society for Nutrition, 2014, S. 73.
18. Richter, Margrit et al., Revised Reference Values for the Intake of Protein, Annals of Nutrition & Metabolism, 2019, S. 243.
19. WHO, Technical Report Series No. 935, Protein and amino acid requirements in human nutrition, 2007, S. 122, S.124, Table 15.
20. Mahan, L. Kathleen et al., Krause´s Food and The Nutrition Care Process, 2012, S. 367.
21. Richter, Margrit et al., Revised Reference Values for the Intake of Protein, Annals of Nutrition & Metabolism, 2019, S. 246.



Abkürzungen

FAO - Food and Agriculture Organization of the United Nations, zu Deutsch: Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, auch als Welternährungsorganisation bekannt
WHO - World Health Organization, zu Deutsch: Weltgesundheitsorganisation
UNU - United Nations University, zu Deutsch: Universität der Vereinten Nationen
EFSA - European Food Safety Authority, zu Deutsch: Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit
DGE - Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. DIAAS - Digestible Indispensable Amino Acid Score